Das Grab von Wolfgang Güllich
Obertrubach ist ein verschlafener Ort im Frankenjura. Wenn ihr euch da rumtreibt, habt ihr meist nur eines im Sinn: richtig hart klettern. Ihr wollt ballern, ballern, ballern. Nach einem ermüdenden aber befriedigenden Tag in eurem Projekt am persönlichen Limit wartet an lokaler fränkischer Kultur höchstens noch ein Schäufele und ein frisch gezapftes Pils im nächsten Gasthaus. Oder ihr bleibt dem klettertypischen Minimalismus treu und kocht euch vor dem Zelt ein paar Nudeln. Am nächsten Tag beginnt das gleiche Spiel. Bei längeren Klettertrips legen auch die ambitioniertesten Kletterer irgendwann einen Pausentag ein. Und wenn es nur ein halber Tag ist, kann es vorkommen, dass ihr im Frankenland ein paar Stunden mit etwas anderem als Kalkstein verbringen wollt. Natürlich sind den Sportbegeisterten keine Grenzen gesetzt. Ob auf dem Rennrad, Mountainbike oder beim Wandern, kann man sich in Franken nicht nur beim Klettern verausgaben. Was aber, wenn ihr mal so richtig entspannen wollt? Wenn ihr einen kleinen Ausflug plant fernab von jeglicher sportlicher Betätigung?
Inmitten des Klettergebietes Nördlicher Frankenjura liegt der verschlafene Ort Obertrubach, das etwa 2000 Menschen ihr zu Hause nennen. Vielleicht habt ihr euer Zelt ja sogar ganz in der Nähe bei Oma Eichler am Trubach aufgeschlagen. Startet doch in den verdienten Pausentag mit einer gemütlichen Wanderung auf der Suche nach einem anständigen Frühstück. Nach etwa einer Stunde gelangt ihr nach Obertrubach. Wo die Trubachtal- zur Bergstraße wird, biegt ihr am Pfarramt in den Pfarrer-Grieb-Weg ab. Nach ein paar Metern erreicht ihr das Café Müller. Seit 1871 in Familienbesitz wird in dieser Bäckerei jeder augenblicklich in seine Kindheit zurückversetzt. Es schmeckt einfach wie früher, was auch immer „früher“ für den einzelnen bedeuten mag. Jetzt habt ihr ja schon ein paar harte Klettertage hinter euch. Ihr braucht jetzt sicherlich ein anständiges Frühstück. Auf der kleinen Terrasse des Cafés scheint die Zeit still zu stehen. Wenn ihr in den letzten Tagen nur euer Projekt im Kopf hattet, könnt ihr hier bei Kaffee, Kuchen und Zeitung auf andere Gedanken kommen.
Aber ihr wollt ja nicht ganz den Fokus verlieren. Wie wäre es nach dem Essen mit einem kleinen Spaziergang zum Friedhof? Ihr fragt euch jetzt vielleicht, wie ihr eure Gedanken dort zurück zur Kletterei lenken könnt. Direkt hinter der Bäckerei Müller auf dem Friedhof der St. Laurentiuskirche findet ihr den vielleicht wichtigsten Wallfahrtsort der fränkischen Klettergeschichte: das Grab von Wolfgang Güllich. Wenn ihr ein paar Schritte über den winzigen Friedhof geht, werdet ihr schnell erkennen, wo der Erstbegeher der Action Directe und Erfinder des Campusboards begraben wurde. Sein Grabstein sieht aus wie ein kleiner Kletterfelsen und ist geschmückt mit Karabinern, Schlingen und alten Kletterschuhen. Außerdem hängt dort ein Logbuch, in das sich Kletterer, Verehrer und Weggefährten des Kletterpioniers aus der ganzen Welt eintragen und ihre Verbundenheit bekunden.
Wolfgang Güllich hat gemeinsam mit Kurt Albert den Klettersport in der fränkischen Schweiz aber auch international vorangebracht wie wenige nach ihnen. Ein Besuch seiner Grabstätte gibt euch nicht nur die Möglichkeit euch dafür zu bedanken, sondern versorgt euch auch mit der nötigen Motivation für die Kletterprojekte der nächsten Tage. Viel Spaß und Erfolg weiterhin im Frankenjura!
